Erinnerungen einer Neuostheimer Bürgerin
Gedanken, die sich zu Erinnerungen formen……

Ich denke zurück an die Jahre nach dem 2. Weltkrieg.
Die Folgen des Krieges waren auch an Neuostheim nicht spurlos vorübergegangen.Es gab viele von Bomben zerstörte Häuser. Auch Menschenleben waren zu beklagen. Besonders davon betroffen waren die Menschen entlang der Riedbahn, in der Trübner-Straße, der heutigen Karl-Ladenburg-Straße.
Aber bald schon wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. In der Dürerstraße entstanden die ersten Geschäfte. Daraus entwickelte sich eine Einkaufsstraße mit einer Vielzahl von Geschäften, von denen wir heute nur noch träumen können.Akademiker – mindestens ein Dipl. musste vor dem Namen stehen – bevorzugten zum Wohnen diesen Stadtteil.
Später fühlte sich der Adel, der aus dem Osten vertrieben wurde, hier sehr wohl. Nicht zuletzt belebten aber auch amerikanische Familien diesen Stadtteil. Sie wohnten überwiegend in den Häusern in der Böcklinstr., Rethelstr. und am Paul-Martin-Ufer.Der große Hof bei diesen Häusern wurde nur der „Ami-Hof“ genannt; für uns Kinder damals ein Paradies, ein herrlicher Spielplatz mit Wippen und Schaukeln und jeder Menge Kinder, mit denen wir spielen durften.
Die Amerikaner waren auch sehr großzügig im Verteilen von Kaugummi und Schokolade, was für uns das Ganze noch schöner machte.Fast am Ende der Seckenheimer Landstraße befand sich ein amerikanisches Militärdepot.
Wo Amerikaner leben, darf natürlich ein Baseball-Platz nicht fehlen. Der befand sich auf dem Platz, wo heute das Carl-Benz-Stadion steht. An den Wochenenden fanden dort die stets gut besuchten Spiele statt.Er wurde auch von den Mannheimer Schulen für die jährlichen Sportfeste genutzt.
Dahinter, wo vor dem Krieg die Pferderennbahn war, entstand ein Golfplatz. Heute wird dieser Platz von den deutschen Baseball Clubs genutzt.Die Gaststätte „Brück“, an der Ecke Dürer-/Lucas-Cranach-Str. war ein beliebter Treffpunkt der einheimischen Bevölkerung und der amerikanischen Soldaten; ebenso das „Cafe Nies“ am Anfang der Dürerstr. sowie der etwas später eröffnete „Freihof“.
Die deutsche Kaserne am Anfang der Seckenheimer Landstr. beherbergte kinderreiche Familien und die Volksschule. Im ehemaligen Wachhäuschen befand sich die Polizeistation.Als die Leute Mitte der 50er Jahre auszogen und die Johann-Peter-Hebel-Schule gebaut war, wurde die Kaserne vorübergehend vom Max-Planck-Institut bezogen.
Danach kam sie wieder in den Besitz der „neuen“ Bundeswehr.Heute befinden sich dort Wohnheime für die Studenten der BWA.
Ebenfalls am Anfang der Seckenheimer Landstr., wo heute Bürogebäude stehen, waren Gärten. Sie reichten bis zur Autobahn.
Nutzgärten befanden sich damals fast bei jedem größeren Haus. Dort wurden nicht nur Obst und Gemüse angebaut, es gab darin auch Hasen- und Hühnerställe.Die Menschen lebten zwar nicht im Überfluss, aber sehr gesund.
Auf dem Flugplatz und der Neckarwiese weideten Schafe. Über deren gute Verdauung freuten sich nicht nur die Schafe selbst, sondern auch die Gartenbesitzer. Denn was da zutage kam, war natürlicher Dünger.Wie gut diese Düngung war, zeigte sich auch an den vielen Champignons, die auf dem Flugplatz wuchsen und die hervorragend schmeckten.
Damit war es allerdings vorbei, als der Maimarkt auf den Flugplatz zog. Es war damals – mehr als heute – eine landwirtschaftliche Messe, die viele Besucher nach Neuostheim lockte.Eine besondere Attraktion waren auch die Flugschauen und Fallschirmspringer.
Die Seckenheimer Landstraße bot sich auch, für uns heute kaum vorstellbar, zum Rollschuhlaufen an.Bevor die Thomaskirche an der Ecke Seckenheimer Landstr./Grünewald-Str. erbaut wurde, fand der Gottesdienst in einer Villa in der Grünewald-Str. statt.
Dort befand sich auch der Kindergarten.Trotz mancher Entbehrungen war es eine schöne Zeit.
Wir lebten in der Natur und mit der Natur.Die Sommer waren heiß, und wir konnten im Neckar baden. Wenn man durch die Wiese ging, hüpften Grashüpfer um unsere Beine. Eidechsen kletterten die Hauswände hoch. Es gab jede Menge Maikäfer, für die wir ein gemütliches, mit Watte und Gras ausgelegtes Heim in einem mit durchlöchertem Deckel verschlossenes Einmachglas, schufen. Und – es gab viele Schwalben.
Im Winter war es so kalt, dass auf den Tennisplätzen gespritzt wurde, so dass wir Schlittschuh laufen konnten.Am Neckardamm war Rodeln und Skifahren angesagt. So mancher, der die Bremse nicht rechtzeitig fand, landete unfreiwillig im Neckar.
Selten folgte darauf eine schlimme Erkältung, ganz sicher aber, wenn man durchnässt und durchgefroren nach Hause kam, eine ordentliche Tracht Prügel.Ach ja, nach Hause musste man, „wenn es dunkel wird“.
Wenn der Mann, der für die Gaslaternen zuständig war, mit seinem Fahrrad durch Neuostheim fuhr und sie angezündet hatte, fiel der Stadtteil bis zum nächsten Morgen in einen „Dornröschenschlaf“.Das ist bis heute so geblieben, auch wenn die Gaslaternen den elektrischen Laternen weichen mussten.
Alles in allem kann man sagen:Es war und es ist auch heute noch schön, in diesem liebenswerten Stadtteil zu leben.
Im Juni 2008
Heide Christine Loy